Zum Thema:
Nie wieder darf von deutschem Boden ein Krieg ausgehen
 

 

Ende des 2. Weltkriegs

Zurück nach Köln


Fragment eines Fluchttagebuchs meiner Großmutter

 

  1945
"Tagebuch einer Flucht"

von Lina Weidner, geb. Kirsch
aus Köln

Seite 1
Freitag den 25.05.1945
Wir sind um 11:30 Uhr aus Zschorlau fortgemacht von Mama und Henny schweren Abschied genommen. Besonders die Kinder nehmen es schwer, solange Zeit von der lieben Oma fort zu bleiben. Es hat alles nichts genutzt, der Hunger treibt uns weiter! Abends kommen wir in Gablenz an. Trotzdem wir im Wonnemonat Mai sind, ist es am Abend sehr kalt.
Wunderschöne Gegend, aber die Ungewissheit über das Essen & Quartier lassen keine frohe Laune mehr aufkommen.
Nach langem Suchen in Gablenz endlich ein gutes Quartier, vor allem schöne Betten und eine herzensgute Oma.
Dort selbst unerhörtes Glück gehabt, Brot und Fleisch gekauft. Nachher in Stollberg ebenfalls Brot und Quark. Für die Kinder ein warmes Mittagbrot.
In Stollberg selbst viele Häuser von der Ari zerstört.
Nun ging’s nach Chemnitz. Bis jetzt hatten wir noch keinen Russen zu Gesicht bekommen. Einen gehörigen Schrecken vor der Sperre. Ein Treck, der ein wenig vor uns ist, wird zuerst nach Schmucksachen usw. untersucht. Wir, ganz raffiniert, nicht nach rechts und links gesehen und durch. Wir hatten Glück, der Russe war so vertieft in seine Arbeit, dass er uns gar nicht bemerkte. Meine Schmucksachen trage ich auf dem Leib.
In Chemnitz viele Russen, und die ganze Stadt so unsinnig zerstört wie Köln. Die Leute müssen sehr weit das Wasser schleppen. Sogar mit Leiterwagen sieht man sie herankommen bis an die Hauptpumpe. überall viel Schmutz und Dreck. Am Ende der Stadt Halt gemacht und das Wenige was wir noch haben gegessen. Sophies hohe Stiefel sind schon erledigt und werden zum Andenken dort gelassen. Jetzt muss ab und zu barfuss gelaufen werden, um die anderen Schuhe zu schonen. Eine schönere Pfingsttour, wie diese, können wir uns gar nicht denken, denn es ist wunderschön draußen.

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Alles in voller Blüte und das frische Grün.
In den voll besetzten Zügen möchten wir nicht sein. Die an uns vorüber rollen sind dicht besetzt. Sogar auf den Dächern hocken die Leute.
Jetzt kommen wir langsam aus der Stadt heraus und nun Tempo bis Neukirchen. In dem Ort wieder Russen und wir so müde, bekommen kaum Quartier.
Endlich nach langem Suchen in einer Schmiede. Aber o, weh ! Im Ganzen 14 Kinder im Hause.
Da wir so müde sind, haben wir angenommen. Die Frau hat 4 ungezogene Bälger aber gute Betten. Über Sonntag geblieben, Montag früh um 11 Uhr weiter.
Es ist drückend heiß und nichts groß im Magen, wir kommen bis Niederwiesa, ein hübsches Dorf, auch nach langem hin und her bei einer guten Oma Unterkunft. Ein Topf Kartoffeln, Kornsuppe und Brot. Für unterwegs gab sie mir auch noch Brot, Korn und Zwiebel mit und einen feinen Kartoffelsalat. Auch konnten wir uns Milch holen für die Kinder.
Schweren Herzens zogen wir weiter, über Flöha  ging’s nach Oberschöna. Ihr Täler weit, ihr Höhen, immer Berg auf, Berg ab.
Halt! ich habe was vergessen, vor Niederwiesa  haben wir Glück gehabt.
Unterwegs kam ein Italiener auf mich zu und fragte, ob ich einen Wagen gebrauchen könnte. (Unser Wagen ist langsam dem Schiffbruch nahe) Ich könnte mir im nahen Schuppen einen holen, gesagt getan, wir mit großem Hallo dorthin. Der große Schuppen diente zur Aufbewahrung landwirtschaftlicher Geräte. Ganz von Korn & Weizen ausgeräumt, ob die Maschinen noch gebrauchsfähig sind, das weiß man nicht. Vorläufig dient der Schuppen als Nachtquartier für Franzosen, Belgier & Italiener, die durchziehen & das sieht auch ganz nach diesem Gesindel aus. Die Hauptsache uns der Wagen, endlich haben wir ihn gefunden.
Nun wird umgepackt, in der Zeit vertrieben sich die Kinder mit Durchsuchen des Schuppens, ob es nicht sonst noch etwas Gutes dort zu finden gibt.
Nun sind wir auch diese Sorge los, der Wagen ist stabil & fährt prima.
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In Oberschöna müssen wir den 2. Wagen, der auch hinfällig war, zurücklassen. Jetzt ist alles verstaut auf dem einen & es geht vergnügt weiter.
Aber nun fangen wieder andere Sorgen an, in jedem Dorf ist es mit den Russen anders. Die Dorfbewohner haben es sehr schwer, die Russen gehen einfach auf die Felder & mähen sich das Heu ab, das Vieh wird auf offener Weide abgeschlachtet, nachts die Bauern aus den Betten gejagt u.s.w.
Wo wir bis jetzt im Quartier waren, ging’s noch gut, aber wer weiß wie lange noch.
Mein guter Schutzengel & die liebe Gottesmutter bitte ich inständig um Schutz.
Wären wir nur schon in Schlesien.
Hier in Oberschöna auch gute Unterkunft, die Leute sind sehr nett, geben gern, denken, ob die Russen es haben oder die Leute ist gleich. Auch konnten wir wieder kaufen: Butter, Zucker, Nährmittel, Quark, Brot & Fleisch.
In Niederschöna sind wir bei Bauern, es geht uns gut, wir wollen das Beste hoffen, es geht mal gut mal schlecht.
Nur bin ich froh, wenn wir die Berge hinter uns haben, die Lungen sind radikal ausgepumpt wenn wir solche Dinger überstanden haben.
Die armen Kinder tun mir leid, am Tage 25 km zu laufen ist keine Kleinigkeit. Aber man darf es ihnen nicht zeigen, dann werden sie ruppig, aber sonst sind sie brav.
Morgen geht’s weiter auf Dresden zu.
Mit Frau Baier die erste kl. Auseinandersetzung wegen Dresden, sie wollte dort ihre Verwandten aufsuchen & sich erkundigen ob sie noch am Leben wären. Ich war voller Sorge wegen einem Quartier in solch einer Großstadt. Aber meine Sorge war vergebens, Oma Baier hatte große Freude als wir kamen, sie ist dort bei ihrer Tochter. Wohnung sehr hübsch & vor allen Dingen gab’s genug zu essen. Abends kam die Tochter heim, sie ist Jung & forsch, ohne Kinder!
Jetzt ging’s hoch her, Kaffee gekocht, Schnitte mit Blaubeeren, beim Abendbrot, Kartoffeln mit tüchtig Butter, Salat, Fruchtwein & zum Schluss nochmals gute Butterschnitten.
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Endlich waren die Bälger satt. Im Hause Quartier für uns, hat alles fein geklappt, prima geschlafen, Morgens durch wunderschönes Vogelkonzert geweckt & dann frisch und munter an den Frühstückstisch. Da gab’s einen Teller bis zum Rande voll feiner Hafergrütze mit Milch & Schnitten mit 1 a Honig & zuletzt Kirschen. Die junge Frau übertraf sich wirklich im Geben man konnte sich nur nicht revanchieren, was mir sehr peinlich war.
Oma & Tante mit unsern Kutschen durch Dresden gewandert, unterwegs gab’s noch einen kleinen Aufenthalt. Frau Baier war an ihrem Kinderwagen ein Rad kaputt gegangen, wir hielten an einer Bäckerei. Wir erhielten von den Bäckersleuten eine Kanne heißen Kaffee nebst Zwieback dazu. Schon wieder mal eine Stärkung!!
Die Stadt Dresden ist wohl in Unordnung, Köln sieht schlimmer aus, was ich dort sah, konnte mich nicht mehr erschüttern.
Wir konnten mit der Straßenbahn und unserem Gepäck ein gutes Stück mitgenommen werden. In Weißig nahmen wir herzlich Abschied begleitet von guten Wünschen & nun ging’s weiter. Über Dörfer & Städte überall noch nettes Quartier gefunden, für die Kinder gab’s Milch reichlich. Auch Kartoffeln gibt’s genug.
Je näher wir nach Schlesien kommen, unendlich viel Flüchtlinge und das macht mir Sorge, denn das Quartiermachen ist nicht mehr so leicht. Und dadurch gibt’s weniger zu essen.
Endlich in Görlitz angekommen, wir können nicht über die Neiße. Die verdammten Polen lassen uns nicht hinüber.
Am 8. Juni mit den armen Kindern in der glühensten Hitze durch 5 Dörfer, (das waren mindestens 32 km.) gelaufen, um 21 Uhr noch keine Rast. Es fing schon an zu dunkeln, da endlich in Ludwiqsdorf bekommen wir ein schönes Zimmer angewiesen. Wir waren so müde & froh dass wir uns endlich hinlegen konnten. Die Leute mussten wir aus dem Schlafe holen, und so konnte die Frau uns nur eine kleine Kanne Kaffee geben. Ich hatte noch etwas Brot & Zucker, das Wenige beim Kerzenschein gegessen & dann ins Bett.
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2 Tage dort geblieben, dort gab’s Pferdefleisch, das Fleisch wurde direkt aus dem Stalle verkauft, wo sie das Tier abgeschlachtet hatten. Ich hatte Leber & ein anderes Stückchen Fleisch, ich habe es gekocht, Soße gemacht & zu Kartoffeln gegeben. Es hat uns herrlich geschmeckt. Im Dorf selbst gab’s wenig Kartoffeln, die Hauptsache sind ja nur Kartoffeln.
Wir mussten weiterwandern, es waren zu viele Flüchtlinge in dem Dorfe untergebracht. Bei einem Grossbauern manchmal 60 - 70 Personen
Nun ging’s nach Rothenburq. 10 Tage kein Brot, meine Nährmittel zu Ende, kein Mehl mehr. Wir leben nur von Kartoffelgerichten & etwas Gemüse, Zucker & Süßstoff ist auch alle.
Die Russen & Polen plündern zum Gotterbarmen. Ich bete jeden Tag, dass diese Zustände bald ein Ende nehmen.
Wie lange werden die Kinder das aushalten, alles ohne Fett.
Vorläufig sind wir in Neundorf 2 km vor Rothenburq, wir müssen hier bleiben. Die Wohnung, früher als Lazarett eingerichtet, sind 2 große Stuben, die wir uns einigermaßen menschlich zurechtgemacht haben.
Hier war Kampfgebiet und wenn es in Paritz so aussieht wie hier die Häuser, dann möcht ich jetzt schon kehrt machen.
Die Möbel, alles ausgeplündert, das Unterste zum Obersten gekehrt, alles durcheinander, in den Schränken fehlen Schubladen, Bettzeug liegt verschmutzt umher, nun im Grossen Ganzen, was der Bombenkrieg nicht gemacht, haben die Anderen auf diese Art gemacht. Es ist zum Gotterbarmen!
Wir sind zu 3 Familien auf den 2 Stuben, also 11 Personen. Mama hat recht gehabt mit Frau Baier, sie ist furchtbar launig, jeder hat unter ihrer Laune zu leiden. Frau Minnig ist noch zu ertragen, diese Zeit geht auch vorüber. Ich will nicht klagen, es ist unser Kreuzweg, den wir alle gehen, unser Herrgott wird uns weiter beschützen.
Wenn die Polen in Schlesien bleiben sollten, gehen wir zurück nach dem Westen. Es ist dann auch besser so, ich habe auch das Gefühl, dass wir gar nicht nach Paritz hinkommen. So schon am Ziel nur noch 32 km., dann wären wir da, und nun ?
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Schorsch ist bei Bargermeisters am arbeiten, es gibt ein gutes Mittagbrot für ihn.
Gott sei Dank !
Die Tage gehen mit Waschen, Flicken und Stopfen schnell dahin, wir sehen immer noch gepflegt aus, überall wo wir hinkamen konnten wir etwas waschen und stopfen. Wir schlafen alle in einem Raum, in demselben stehen 6 Betten, 1 Kleiderschrank, 3 Nachttischchen, so gut es ging haben wir es uns gemütlich gemacht. In der Küche sind ein Sofa, (etwas für Schorsch) Küchenschrank, Spültisch, 2 Kleiderschränke, 1 Vertiko, Ausziehtisch und ein kleiner Tisch für die Kinder. Einstweilen können wir es noch aushalten, nur etwas Brot ein wenig Fett, dann ging’s schon.
Herr Dein Wille geschehe !
Ich habe lange nicht mehr geschrieben, heute am Dienstag den 26.6. sind wir in Weißig bei Dresden. Unser Treck hat sich in Wohlgefallen aufgelöst. Vorigen Freitag ( 22.6. ) haben wir wieder fortgemacht. 1m Dorfe wurde es ungemütlich und dann sind die Leute wieder da, denen die Wohnung gehört.
Bis Rothenburq musste geräumt werden, was die Halunken mit uns vorhaben, weiß der liebe Himmel !
Frau Baier hat Frau Minnig goldene Berge versprochen nur mit nach Dresden zu ihren Verwandten zu fahren. Unterwegs ist ihr alles leid geworden, und nun vor Dresden, also hier in Weißig hat sie die arme Frau im Stich gelassen. Sie tut mir schrecklich leid mit ihren beiden Kindern, unterwegs hat sie andauernd gejammert, aber Frau Baier kennt keine Gnade und das Luder hat auch noch immer Glück bei den Bauern.
Bis jetzt ging’s wenn wir bei Bauern waren, es gab Milch und Quark. Mehl gab’s auch unterwegs, und die Kinder gehen sich Brot fechten. Dann kommen sie freudestrahlend zurück.
Morgen früh wollen wir weiter machen nach dem Westen zu. Gott wird weiter mit uns sein. Die größte Sorge ist nun, dass wir über die Mulde kommen. Immer und ewig denke ich an Mama und meine beiden Schwestern. Das Gefühl habe ich, dass wir uns alle wieder sehen werden !
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Es regnet fürchterlich, darum müssen wir noch einen Tag länger bleiben, für mich ist es gut, ich fühle mich nicht gut, vielleicht ist es mir morgen besser.
Heute haben wir Samstag den 7.7.45, wir liegen hier in Röda fest. Ich konnte gestern nicht weiter. Ich muss die Rose im Heim haben, das wäre schlimm für uns, ich liege im Bett &
Sofie macht alle Arbeit, Schorsch macht ein bedenkliches Gesicht. Alle sind wir in einer Aufregung, kommen wir über die Mulde ? Hätten wir doch die Angst los, überall Hindernisse !
Ob wir nach Halle und zu Kläre kommen, ob wir es erreichen? Wo mag Mama und Henni sein, ich möchte doch alle noch einmal wieder sehn. Die armen Kinder hätten sie mal wieder ein Zuhause ! In Döbeln habe ich Sofie eine Puppenstube gekauft und Theo hat von Lia in Döbeln eine kleine Eisenbahn bekommen. Nun können sie wenigstens, wenn wir rasten ein wenig spielen. Die Leute, wo wir in Quartier sind, sind auf ihre Art gut. Vorige Woche war es schöner, nun ja, einmal schlecht, und einmal gut, wie unser Herrgott es will.
Von Dresden sind wir nach Radebeul, Meissen bis nach Döbeln, zu Lia hin. In der Stadt Meissen  wieder eine Seele von Oma angetroffen. Es war in der Mittagszeit, ein ungemütliches Wetter, wir hätten gern paar warme Kartoffeln gegessen. Unterwegs fragte ich eine junge Frau, ob sie nicht wüsste, wo wir privat etwas kochen könnten. Kommen sie mit zu meiner Schwiegermutter.
Diese Frau versorgte uns mit Salz, Kirschen, Brotschnitten mit Honig und zuletzt jedem eine Handvoll Kandiszucker und Schorsch Tabak. So ausgerüstet konnten wir den Marsch weiter wagen.
Die Stadt Meissen ist eine schöne alte Stadt, der Dom und die umliegenden Häuser von den Sprengungen der Brücke sehr gelitten. An der Elbe entlang eine wunderschöne Ansicht wie bei uns am Rhein von Bonn bis Koblenz.
2 x bei sehr netten Leuten übernachtet und dann endlich am Montag in Döbeln angekommen. Ich wusste die Straße nicht mehr, wo Lia wohnte, in einem Gasthof wo wir eingekehrt, per Zufall erfahren.
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Schorsch hatte mit Theo in einer Straße gewartet, und ich bin mit Sofie auf die Suche nach Lia ! Endlich hatten wir sie gefunden, Lia erkannte mich im Moment nicht wieder. Ihre Freude war groß und sie machte mir Vorwürfe, dass ich nicht den Weg nach Döbeln gefunden im Krieg, dann wäre uns manches Leid erspart geblieben. Dieser Gedanke war mir nie gekommen. Aber jedes hat sein Gutes und sein Schlechtes. Es ist eben Schicksal, was der liebe Gott einem schickt muss man mit Geduld ertragen !
Bei Lia blieben wir 3 Tage, dann mussten wir wieder weiter wandern. Sie gab uns Zucker, Salz, Marmelade, auch Süßstoff in rauen Mengen mit, und so waren wir auch dieses Mal gut versorgt. In Döbeln gab es noch mal gute Tagesverpflegung: Wurst, Butter, Brot und Nährmittel.
Aber wir haben keinen Mut, wären wir doch über die Mulde !!
Und so liege ich hier im Bett und gehe meinen traurigen Gedanken nach. Ob wir nach Kanena und Oberwerschen kommen, ich würde doch zu gern mit meinen Lieben zusammen sein.
Morgen Sonntag gibt’s Möhren mit Erbsen und Kohlräbchen.
Vorigen Sonntag bei den Leuten war es schöner, da gab’s Salzkartoffeln mit Specksoße, Salat und jeder 1 schönes St. gebratenen Speck. Morgens jeder beim Kaffee ein Stk. Kirschkuchen. Die Kinder gingen Sonntagmorgen mit dem Bauer Kirschen pflücken. Wie Sofie zurück kam sagte sie: Mama einstweilen habe ich genug Kirschen. Aber Abends gab es als Nachtisch eine Schüssel gekochter Kirschen und wurden sie freudig begrüßt.
Obst gibt es hin und wieder mal. Bis jetzt brauchten wir nicht zu klagen über Kartoffeln.
Von Chemnitz und Erzgebirge kommen bis hier her Hamsterer. Leider werden sie unterwegs von unserer Polizei angehalten und wer mehr wie 25 Pf. Kartoffeln hat, muss alles restlos abgeben. Wir werden auch angehalten und da wir Flüchtlinge sind dürfen wir weiter.
Wir können froh sein, dass wir hier im Quartier sind, es ist schlechtes Wetter, heute Nachmittag ein schweres Gewitter.
Wären wir doch bloß über die Mulde !!
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Nun müssen wir Montag noch hier bleiben, soeben haben wir einen Verlust entdeckt. Unsere schwarze Tasche haben wir auf der letzten Stelle liegen lassen. Da sind fast alle unsere ganzen Strümpfe drin. Schorsch muss ganz früh mit dem Rad dahin fahren. Hoffendlich bekommen wir sie wieder.
Die Leute wollen Sofie unbedingt behalten, wenn es nicht so eine verrückte Zeit wäre hätte ich ja gesagt. Man weiß nicht wie es mit den Russen aussieht und noch alles kommen kann. Theo war heute eine Stunde weg im Zirkus, mit einer dicken Butterschnitte ist er fort, weil noch nicht fertig gekocht ist. Wie er nach Hause kommt, einen Bärenhunger mitgebracht Nun ist er mit seinen neuen Freunden wieder fort.
Was mag morgen sein ?
Endlich über die Mulde, ich denke daß wir in 2 Tagen bei Kläre sind. Das war eine Tortur. Schweren Herzens machten wir uns Freitag auf den Weg mit dem Gedanken beseelt, wie kommen wir durch ?
Über die Freiberger-Brücke hatten wir Glück, unterwegs, es war gerade 12 Uhr, kamen Soldaten von der Kommandantur und sagten uns, daß wir da wenigstens herüber könnten. Gesagt, getan ! Das war die erste Brücke, nun durch Kössern. Wie wir ankamen, standen eine Menge Menschen dort, nun die Aufregung kommen wir durch oder nicht. Ab und zu werden Leute schubweise herübergelassen. Auf einmal hieß es, Schluss für heute, der Kommandant wurde verrückt gemacht. Wir blieben aber sitzen um 1/2 12 Uhr hieß es, Frauen mit Kindern kommen herüber. Da meine Beine noch nicht in Ordnung waren, konnten wir mit.
An der Brücke selbst mussten wir noch warten, die Nacht war sehr schön ich hätte immer weiter wandern mögen, wunderbare Gegend sehr romantisch.
Und oh Jammer, wir mussten wieder zurück, da wir kein Quartier hatten, mussten wir alle in einem Gasthof die Nacht provisorisch auf der Erde auf Stroh schlafen. Decken konnte Schorsch nicht mehr heraus nehmen, weil es zu dunkel war.
3 Männer hielten bei den Wagen Wache auch Schorsch.

 

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Und morgens in aller Frühe zu dem Schlagbaum hin. Es wurde immer später aber es ließ sich kein Kommandant sehen.
Ich zu einer Frau privat hin und habe einen dicken Mehlbrei gekocht. Um 10 Uhr kam ein Unteroffizier 5 Frauen zum Kartoffel schälen holen. Ich war mit dabei, 2 Stunden geschält und etwas Brot erhalten, in der glühenden Hitze einen stehen lassen, bis es den Herren einfiel sich mit einem weiter zu beschäftigen. Mir war es todelend. Aber keine Sau ging mit uns, um uns über die Brücke zu lassen.
Das sollte unser Lohn sein für das Kartoffel schälen. Wir kriegten den Bescheid, sie kämen nach, wir sollten uns abgesondert am Schlagbaum aufstellen. Es kam aber niemand, wir Frauen noch 3 x hingelaufen, endlich den Kommandanten erwischt, ach so, ich hätte bald was vergessen, die Brücke wurde auf einmal um 2 Uhr ganz gesperrt. Uns fiel das Herz in die Hose. Es waren nicht mehr viel Leute dort und um 4 Uhr ging’s endlich mit Ach und Krach herüber.
Wir haben nichts mehr gesprochen bis wir drüben waren.
Gott und der lieben Muttergottes Dank !
Heute ist Sonntag wo ich schreibe, wir sind in Großbothen in einem Hotel. Wir sollten in ein Massen-Quartier, dort gefiel mir die Tapete nicht, und so haben wir hier ein nettes Zimmer und wollen uns erst mal ausruhen.
Das Kranksein ist nun nicht mehr so schlimm, es geht ja zu Kläre hin, und wo mag meine arme Mama und Henni sein...?

Ende der vorhandenen Aufzeichnungen.

Geschichte zu diesem Tagebuch

 

 

Foto: Badische Zeitung

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